| Wie man den Verstand verliert | ![]() | ![]() | ![]() |
| 1946 hat ein großer Mann - Wilhelm Reich -einen Text geschrieben, in dem er dich direkt angesprochen hat. Die Rede anden kleinen Mann wurde 1947 in englisch unter dem Titel Listen LittleMan veröffentlicht. Es war die emotionelle Reaktion Reichs auf dievielen Verletzungen und Demütigungen, denen er sich ausgesetzt sah. Es war das Ergebnis der inneren Stürmeeines Naturforschers und Arztes, der jahrzehntelang zunächst mitNaivität, dann mit Staunen und schließlich mit Entsetzen erlebte,was der kleine Mann aus dem Volke sich selbst antut; wie er leidet,rebelliert, seine Feinde verehrt und seine Freunde mordet; ... Die `Rede' wardie stille Antwort auf Geschwätz und Diffamierung. (Wilhelm Reich,Rede an den kleinen Mann, S. 3) Nun spreche ich zu dir, kleiner Mann*, denn dieRede, die Reich an dich vor 62 Jahren richtete, ist heute immer noch so aktuellwie damals. Er konnte 1947 nicht ahnen, dass die Kampagne, die du damalsgestartet hast, sein Ende sein würde: du hast seine Forschungenverfälscht, seine Bücher verbrannt, alle seine Gerätezerschlagen und schließlich ihn selber unter einem formalen Vorwand insGefängnis geworfen. Er starb im Gefängnis an gebrochenem Herzen. Duhast ihm das Herz gebrochen. Es geschah eine Woche, bevor er entlassen werdensollte. * Das, was ich dir hier sagen werde, ist hart, es ist die ungeschminkte Wahrheit über dich, den kleinen Mann. Aber ich möchte, dass du verstehst, dass ich hier keine Schuld" verteilen will. Es geht nicht um Schuld oder Strafe oder Reue. Es geht um Wissen. Denn der Mensch, der dies liest, ist viel, viel mehr als dieses reduzierte Bild von einem Menschen, das sich aus der Identifikation mit dem Verstand ergibt. Der kleine Mann" ist nur dieser Teil, der nicht versteht, dass jeder Mensch das Universum ist, das sich seiner selbst bewusst wird. Jeder Mensch ist schon das Ganze, voller Schönheit, Würde, Güte; jeder Mensch trägt den göttlichen Glanz in die Welt. Und das ist schon so, es ist keine Möglichkeit, die irgendwann in der Zukunft erreicht werden könnte. Wenn du - du, der das hier liest - das nicht weißt und als tiefe Wahrheit fühlst und lebst, dann deshalb, weil du dem kleinen Mann" in dir glaubst und dich mit ihm identifizierst. Und mit diesem kleinen Mann rede ich jetzt. Ich bin nicht dafür verantwortlich",sagst du? Doch, das bist du, denn dieses du", das dies hier liest, istkein einzelner Mensch. Du bist identifiziert mit dem Ego, dem Netzwerk ausIdentifikation mit Form, mit Dingen, mit Gedanken. Du bist das Ego, das dieWeltherrschaft übernommen hat. Jeder Mensch, der sich mit dem Egoidentifiziert, ist Teil dieses Netzwerkes und ist gleichzeitig das ganze. Es gibt diverse Weltverschwörungstheorien,die behaupten, wir werden von dunklen Mächten beherrscht, von denIlluminaten, den Rockefellers, den Skulls oder einer Clique von Kapitalisten.Mach dir nichts vor, kleiner Mann. Du bist es selber. Es ist keineVerschwörung nötig, um dich zu beherrschen und zu unterdrücken.Du bist an der Macht, und du benutzt diese Macht schlecht, denn du benutzt sie,dich selber auszubeuten und andere kleine Männer zu vernichten. Alleine im letzten Jahrhundert hast du über150 Millionen Menschen umgebracht, in Kriegen und Massenvernichtungen. Du hastKinder in Lagern vergast, Atombomben auf schlafende Großstädtegeworfen. Du hast Menschen umgebracht, weil sie schwarz oder weiß waren,weil sie dem Stamm der Hutu oder Tutsi angehörten oder weil sieöstlich oder westlich der Elbe lebten. Das ist Wahnsinn, dein Wahnsinn,kleiner Mann. Und wenn ich kleiner Mann" sage, meine ichauch dich, kleine Frau. Du wirst zwar von kleinen Männernunterdrückt, aber deine Söhne erziehst du so, dass auch ihnen nichtsanderes übrig bleibt, als ihre Frauen und Töchter wieder genausoschlecht zu behandeln. Du bist genauso ein Teil dieses Systems kleinerMänner und Frauen. Es sind kleine Frauen, die lebendigen kleinenMädchen unter unsäglichen Schmerzen auch heute noch die Klitorisabschneiden und die Scheide zunähen um sie auch zu kleinen Frauen zumachen. Ich bin trotzdem nicht dafürverantwortlich, ich bin strikt gegen solche unmenschliche archaische Riten",sagst du. Ich will dir beweisen, dass du verantwortlich bist, denn ich kennedich, weil ich mich kenne. In mir ist auch ein kleiner Mann. Aber ich habe ihnerkannt und er stirbt. Denn ich nehme ihm seine Lebensgrundlage: nicht erkanntzu werden. Das Erkanntwerden ist sein Ende. Tausenden von kleinen Jungen - in den USAüber 50% der Neugeborenen Jungen - wird auch heute noch die Vorhautabgeschnitten - unter fadenscheinigen religiösen Gründen. Denkst du,das Ritual ist nicht so grausam wie das der Mädchenbeschneidung? Dann siehdir bei YouTube Filme über circumcision" an. Hör die gellendenSchmerzensschreie der kleinen Jungen, wenn diese Amputation ohne Narkose an demam Baby-OP-Tisch festgeschnallten Kind zelebriert wird. Es gibt immer nochkleine Ärzte, die scheinmedizinische Gründe für diesesunmenschliche archaische Ritual" finden. Der Unterschied zurMädchenbeschneidung, die immer noch vor allen in Afrika durchgeführtwird, ist zwar erheblich, aber der Zweck ist derselbe: die Kinder sollen sichnicht selber befriedigen können, sie dürfen keine Lust in ihrenLenden spüren. Und wenn, sollen sie Schmerzen dabei empfinden, wenn dasempfindlichste und sensibelste Körperteil, das nur für dieLustentfaltung da ist, ungeschützt an der groben Hose reibt. Es wird dannunsensibel, weil die feine Haut der Eichel verhärtet. Um zu Onanierenbraucht der Junge nun Spucke oder Gleitcreme und das geht nicht mal eben sonebenbei im Autobus. Prüderie in ihrer abscheulichsten Form ist dereinzige Grund dafür. Du weißt das, der Rabbi weiß das und alleGäste auf der Beschneidungsfeier wissen das. Aber du, kleiner Mann, der dugegen unmenschliche archaische Riten" bist, gehst als Gast auf dieseFeier und wirst nichts dagegen sagen, denn man könnte dich ja füreinen Antisemiten halten. Kannst du dir Vorstellen, kleiner Mann, dassdieser Ritus vor langer Zeit eingeführt wurde, um die Beschneidung derMädchen zu rechtfertigen unter dem Vorwand: alle Kinder werdenbeschnitten? Jahrtausendelang hast du deine männlichenSklaven kastriert. Ich bin strikt gegen Sklaverei", höre ich dichsagen. Bist du schon einmal in einer Bar gewesen und hast die Mädchenlüstern angesehen, die für dich nackt an einer Stange oder in einemKäfig tanzen? Und wenn du dir das nicht leisten kannst oder wenn du dasmoralisch ablehnst, hast du deinen Chef oder deinen Geschäftspartnerdafür kritisiert, dass er in solche Bars geht? Und wer bezahlt die vielenSexsklavinnen, die unter menschenunwürdigen Bedingungen in Bordellsarbeiten? Du bist es, kleiner Mann. Und wer meint, sich unter solchunwürdigen Bedingungen verkaufen zu müssen? Das bist du, kleine Frau. Kaufst du billige Baumwollhemden aus Indien oderschicke billige Sneakers aus China? Freust du dich, dass dein DVD-Rekorder nur29,- Euro gekostet hat? Wie glaubst du, kommen diese Billig-Produkte zustande?Du sagst, du bist gegen Sklaverei und Kinderarbeit. Nein, kleiner Mann, duweigerst dich nur, hinzusehen. Du bist dagegen, dir einzugestehen, dassMillionen Sklaven für dich arbeiten. Ich sage dir ein Geheimnis, das du nichthören willst: du bist für alles verantwortlich, was in deinemBewusstsein auftaucht. Mach die Tagesschau an: alles, was du da siehst, hast dugemacht. Nicht zu einem Teil von 1 zu 6,8 Milliarden, sondern zu 100%. Ichweiß, dass du das nicht glaubst. Es ist dennoch wahr. Mir ist egal, wasdu glaubst, denn ich will dir keinen Glauben geben. Ich will von Tatsachenreden und du kannst sie erkennen oder auch nicht. Wenn du die Augenverschließen willst, kannst du das tun und noch eine weitere Runde durchdas Leiden drehen. Du wirst so lange leiden, bis du die Verantwortungübernehmen willst - freiwillig. Du hast die Augen so lange zugemacht -jahrtausendelang - und du hast dein Recht auf Leiden bisher erfolgreichverteidigt. Ist es nicht Zeit, damit Schluss zu machen? Vor 2600 Jahren hat ein großer Mann dichentdeckt und zum ersten Mal erfolgreich besiegt. Die Botschaft war so einfach:in dir ist ein großer Mann, jeder Mensch ist bereits vollständigerleuchtet, du weigerst dich nur, das zu erkennen. Er hat dir detailliertbeschrieben, wie das Leiden funktioniert und wie du es beenden kannst. Dubrauchtest noch nicht einmal etwas Besonderes zu tun: nur zuhören undverstehen. Was hast du aus dieser Botschaft gemacht,kleiner Mann? Du hast eine Religion daraus gemacht und die Asche desgroßen Mannes als Reliquien verehrt. Du hast ein System von sinnlosenÜbungen geschaffen, um dein Ich sage dir noch ein Geheimnis, kleiner Mann,das du sicher auch nicht hören möchtest: es gibt keine Zukunft. Esgibt auch keine Vergangenheit. Und das ist keine philosophische Spielerei,sondern bittere und süße Wahrheit: Erst wenn du das weißt,weil du es selber erlebst, bist du kein kleiner Mann mehr. Mit einem anderen großen Mann, der dir vor2000 Jahren gesagt hat, dass du selber göttlich bist und dass du dasHimmelreich auf Erden verwirklichen kannst - nicht in einer imaginärenZukunft, sondern heute - bist du schlecht umgegangen: du hast ihn gefoltert undan einem Holzkreuz verrecken lassen, weil du seine Botschaft nicht hörenwolltest. Dann hast du daraus wieder eine Religion gemacht und die Splitterseines Kreuzes als Reliquien verehrt. Du hast ein System von sinnlosenÜbungen geschaffen und Ablassbriefe" verkauft, um die Seele von derSünde zu reinigen und dir von anderen kleinen Männern einredenlassen, dass du nach dem Tod im Fegfeuer geläutert wirst und irgendwannmit allen Gläubigen wieder zum ewigen Leben erweckt wirst. Alle anderenlanden in der Hölle. Du hast Millionen Menschen in Gottes Namenumgebracht, um sie mit Gewalt zu bekehren und seine Botschaft der Liebe in ihrGegenteil verkehrt: du hast dafür gesorgt, dass deine Kinder nicht in derLage sind, die Liebe in ihren Körpern ohne Schuldgefühle zu erleben.Den Mord an Christus wiederholst du in jedem Kind, das du kritisierst,demütigst, schlägst oder missachtest, weil du glaubst, dass du alsErwachsener mehr Rechte hast, als ein Kind. Du bist von deinen Eltern und anderen kleinenMännern zum Krüppel gemacht worden und tust dasselbe mit deinenKindern. Die Methoden ändern sich, die Wirkung bleibt dieselbe: heuteverkrüppelst du sie mit Pornofilmen, die sie mit ihren Handys austauschen,mit Desinteresse und emotioneller Verwahrlosung, mit Flatrate-Saufereien, mitsinnlosem Leistungsdruck und du suggerierst ihnen, dass sie etwas Besonderessind, wenn sie Markenklamotten tragen. Ich will dir noch ein Geheimnis verraten: esgibt dich nicht. Du bist ein Papierdrache", ein lächerlichaufgeblasenes Konstrukt aus Gedanken, das in den Köpfen aller Menschenexistiert, die an dich glauben. Und ich weiß auch, wo du bist: du sitztin einem erdnussgroßen Teil des Gehirns in der oberen linkenGehirnhälfte, im Sprachzentrum. Dort machst du Geschichten. Du denkst dirStorys aus und der Mensch, in dem du dich versteckst, glaubt dann, er sei du,er glaubt an die Story, die du ihm zuflüsterst. Du machst deinen Menschenzu einem kleinen Mann. Eine große Frau, Jill Bolte Taylor, hat daszufällig entdeckt, als genau dieser Teil ihres Gehirn in einemSchlaganfall zeitweilig außer Funktion gesetzt wurde. Kennst du die Fernsehserie Stargate"? Wennnicht, dann sieh' sie dir an. Darin kämpfen die Menschen mit denGoa'Ulds". Das sind reptilienähnliche Larven, die sich im Menscheneinnisten. Dieser Mensch, der Wirt" lebt dann die Persönlichkeit desGoa'Uld und muss ohnmächtig zusehen, was mit ihm geschieht. Die Goa'Uldssind grausam, machtgierig, inhuman - und sie lassen sich als Götterverehren. Du bist ein Goa'Uld, kleiner Mann, der Mensch, in dem du dicheingenistet hat, ist besessen von einer solchen Larve, ohne es zu wissen. Siesitzt in seinem Sprachzentrum und denkt, er sei es selber, der denkt, sprichtund handelt. So naiv und banal diese Fernsehserie auch sein mag - hier wird dieWahrheit über das Wesen des Ego als modernes Märchen dargestellt. Die Geschichten, die du dir ausdenkst, sindkomplex. Sie umfassen deine Lebensspanne, die du dir als dein Leben"denkst. Sie umfassen auch die Geschichte deines Landes und dann denkst du, duseiest ein Deutscher, ein Russe oder ein Iraker. Sie umfassen deine Rasse unddu denkst, du seiest ein Weißer, ein Schwarzer oder ein Chinese. Dudenkst, du bist Christ, Moslem oder Buddhist. Du denkst, du seiest Rechtsanwaltoder Gewerkschaftssekretär oder SPD-Mitglied. Und all diese Geschichten,die du glaubst, füllst du mit Rollenspielen aus. Du handelst so, alswären diese Geschichten real. Und du gibst das wertvollste, was du hast,für diese banalen Geschichten her: dein Leben, dein wirkliches Leben. DieGeschichten, die du zelebrierst, sind noch banaler als die Fernsehserien, diedu dir ansiehst. Weil es dich nicht wirklich gibt, musst du deineExistenz ständig beweisen. Du hast Angst, kleiner Mann, fürchterlicheAngst, dass das herauskommen könnte. Du fühlst dich schrecklichalleine, denn obwohl du dich mit dem großen Weltego identifizierst,fühlst du, dass es dich nicht wirklich gibt. Du bist ganz alleine demriesigen Kosmos ausgeliefert. Was fühlst du, wenn du dir überlegst,wie groß diese Erde ist, auf der neben dir fast sieben weitere Milliardenkleine Männer und Frauen leben? Was fühlst du angesichts derunendlichen Weite des Weltalls, dem du gegenüberstehst - ganz alleine? Dubist getrennt von all dem und kämpfst an deinem Platz um dein Leben,lernst einen Beruf, suchst dir einen Partner, ziehst Kinder auf und wirst immerälter. Ist das alles, ist das wirklich alles, was du willst? Weil du so schrecklich alleine bist und Angsthast, scharst du einige Menschen um dich, andere kleine Männer und ihrnennt euch wir". Es ist deine Familie, deine Freunde - vielleicht 10, 20oder 30 Menschen. Dann gehst du in einen Verein, damit dieses wir"größer wird. Und um zu beweisen, dass es dich gibt, schaffst du dirFeinde. Feinde sind dir wichtig, sie gehören zu deiner Geschichte. Es sindeinige Menschen dabei, mit denen du Streit hast. Aber es sind vor allem anderekleine Männer, die du überhaupt nicht kennst. Wenn du konservativbist, sind es die Roten". Wenn du ein Gewerkschafter bist, sind esdie Bosse". Wenn du Deutscher bist, sind es die Islamisten" oderdie Terroristen". Die Feinde sind austauschbar: vor 100 Jahren waren esdie Franzosen", vor 50 Jahren die Sowjets". Verachtest du nochdie Pollacken"? Sie sind in der EU und in 20 Jahren wird niemand mehr aufdie Idee kommen, dass uns die Flut aus dem Osten" überrollenkönnte. Vielleicht wollen dann die Deutschen nach Polen auswandern. Wie machst du diese Feinde? Du gibst ihnenNamen, die sie entmenschlichen: du nanntest sie vor 65 Jahren nochUntermenschen" und hast zugesehen, wie deine Nachbarn ins Todeslagerabtransportiert wurden. Du hast dir eingeredet, sie würden nurumgesiedelt" und dann hast du dir ihre schicke Wohnung, ihre Möbel undihre Firma zu einem Spottpreis unter den Nagel gerissen. Aber du machst es auchin deinem persönlichen Umfeld: Du nennst deine Frau eine Hure, weil siesich in einen anderen Mann verliebt hat und nimmst deinen Kindern die Mutter.Du machst deinen Mitmenschen zu einer Schablone, einem leblosen Ding, indem duihm Namen gibst, weil du ihn dann als ein Ding bekämpfen kannst. EinemVerräter, einem Kriminellen, einem Lügner, einer Hure, einemScheisskerl darfst du alles nehmen, weil er es verdient hat, schlecht behandeltzu werden. Er ist ein Ding, kein Mensch. So denkst du, kleiner Mann. Weil du trotzdem weißt, was unrecht istund was nicht, weil du ahnst, dass deine ausgedachte Existenz klein undunbedeutend ist, weil du fühlst, dass es dich gar nicht gibt, machst dudich größer als du bist. Du kaufst dir ein besseres Auto als deinNachbar - bis der dasselbe tut, dann ärgerst du dich. Weil du anderenkleinen Männern zeigen willst, wie wichtig du bist, besorgst du dir einenTitel und nennst dich Prof. Dr." und gründest ein Institut mit einemsehr gewichtigen, wissenschaftlich klingenden Namen. Du machst Karriere" kleiner Mann. Duglaubst, immer besser, reicher, schlauer als andere sein zu müssen. Duvergleichst dich mit anderen, weil du dich dann größer fühlst.Das hält nur für kurze Zeit an. Dann brauchst du wieder etwas Neues,um dich aufzuwerten. Und wenn das nicht funktionierst, fühlst du dichkleiner, schlechter, minderwertiger als andere kleine Männer. Doch auchdamit kannst du dich hervortun. Du beklagst dich dann. Sich beklagen ist direine wichtige Tätigkeit. Denn wenn du dich beklagst, bist immer du imRecht, die anderen sind im Unrecht. Selbst das Wetter ist im Unrecht, wenn dudich darüber beklagst. Dein Leben gefällt dir nicht, kleiner Mann.Deshalb gibt es immer etwas, was du erreichen willst. Und so geht das meistedeiner Kraft dafür drauf, die Zukunft zu planen. Du glaubst, wenn diesoder das geschieht, wird es dir besser gehen. Doch wenn du es vielleichttatsächlich erreicht hast, planst du schon wieder die Zukunft, denn dasErreichte genügt dir nie. Ich sagte dir schon: es gibt keine Zukunft. Dulebst immer jetzt. Doch das Jetzt kannst du nicht fühlen. Du glaubst, derSinn des Lebens läge in den kurzen Momenten der Erfüllung deinerWünsche: wenn du Sex hast, wenn du einen Geschäftsabschluss gemachthast, wenn du Urlaub hast. Das ist nicht das Jetzt. Das ist dieBestätigung des Ego. Das sind die Momente, in denen der kleine Mannglaubt, ein Stück gewachsen zu sein. Ich sage dir noch etwas: mit jederdieser Bestätigungen schiebst du die Erkenntnis, wer du wirklich bist, einStück weiter von dir weg. Sie sind das Gift, mit dem das Ego dichködert. Die Geschichten, die du dir ausdenkst,wiederholst du ununterbrochen in deinem Kopf. Du bist wie die altenverrückten Männer, die an der Bushaltestelle stehen und mit sichselber sprechen. Du tust genau dasselbe, du tust es nur leise, kleiner Mann. Dusagst: Was ich denke, geht keinen etwas an." Doch, kleiner Mann. Dich undmich geht es etwas an. Mit diesem Geplapper fütterst du dein Ego. Es istdas Zwiegespräch, das dein Goa'Uld in dir mit dir führt. DieFähigkeit zu denken ist eine schöne Sache, sie ist die Eigenschaft,die das Menschentier zum Herrscher über diesen Planeten gemacht hat. Aberes hat sich längst verselbständigt. Was ist die Weltbank, dieInternationalen Konzerne, was ist der Präsident der USA, was ist dieBundesrepublik Deutschland, was ist Geld, Schulden, das Internet? Das sindalles nur Gedanken. Gemeinsame Gedanken, die so mächtig wurden, das allekleinen Männer sie für die Realität" halten. Die Realität, kleiner Mann, das ist dieAmsel, die gerade vor deinem Fenster singt, das ist die Bewegung deiner Augen,wenn du dies liest, das Gewicht deines Hinterns auf dem Stuhl, auf dem dusitzt. Das alles und viel mehr ist das Leben, das du jetzt lebst. Vor allem istes die Lebensenergie, die in dir und in deinen Kindern pulsiert. Doch dir istdas nicht wichtig. Du denkst daran, was du deiner Tochter sagen wirst, weil siewieder zu spät nach Hause kommt. Du denkst daran, was deine Kollegingestern gesagt hat, was dich schrecklich geärgert hat und was du ihrmorgen deswegen erwidern wirst. Du weißt nicht, was dein Leben ist,deshalb denkst du dir eines aus. Weißt du wie Hypnose funktioniert? Esist ganz einfach: jemand, der weiß, wie du funktionierst, führt dichganz einfach in einen kurzen gedankenfreien Augenblick. Dann übernimmt erdie Rolle deines Goa'Ulds: er suggeriert dir nun seine Gedanken. Und weil dudas gewohnt bist, fällt dir in dieser Situation überhaupt nicht auf,dass das, was gesagt wird, nicht mehr aus deinem Kopf kommt, sondern vomHypnotiseur. Nun, da du es gewohnt bist, kritiklos zu tun, was diese Stimme vondir will, gehorchst du. Die Stimme sagt dir, dass du ab sofort die Zahlfünf" nicht mehr kennst und du zählst: eins, zwei, dreivier, sechs, sieben..." Auch nach der Hypnose. Dir fällt noch nicht einmalauf, dass du die Zahl fünf nicht mehr kennst und wenn dich jemand fragt,wie viele Finger du an deiner Hand hast, wirst du sechs Finger an jeder Handhaben. Diese Übung funktioniert mit fast allen Menschen. Kannst du dir nunvorstellen, was das Geplapper in deinem Kopf mit deinem Leben macht? Dein Lebenist eine ausgedachte Geschichte, an die du glaubst. Und wenn der Hypnotiseurseine Arbeit gut kann, ist es durchaus möglich, dir eine komplette neueGeschichte zu suggerieren, an die du glaubst - bis dein eigener Goa'Uld wiedermit seiner alten Story die Macht an sich gerissen hat. Das ist deine Freiheit, auf die du so gernepochst, an die du dich klammerst, an die du glaubst. Deine Freiheit sind dieGedanken, die andere kleine Männer dir schon längst vorgedacht haben. Du sagst empört: aber ich bin eineeigenständige Person. Weißt du, was der Begriff persona"bedeutet? Er bezeichnet die Maske der Schauspieler, die im alten Rom auftraten.Deine Persönlichkeit ist eine Maske, hinter der sich dein Leben verbirgt. Weil du dich so unvollkommen fühlst,identifizierst du dich mit Dingen, die du als mein Ding" bezeichnest.Nimm einen kleinen Kind ein Spielzeug weg, das es als mein Spielzeug"angenommen hat und du erlebst, wie stark diese Identifikation schon ist. Esbrüllt vor Schmerzen, denn es fühlt den Verlust so, als würdeihm ein Glied vom Körper abgeschnitten. Später ist es meineFrau", mein Haus" aber auch meine Meinung", mein Glaube",denn auch Gedanken sind Dinge. Wie oft hast du dich schon gestritten, weiljemand deine Überzeugung angegriffen hat? Oder du hast dich beleidigtzurückgezogen, aber nur, weil du Angst hattest, du würdest im Streitunterliegen. Du glaubst, diese Dinge sind ein Teil von dir, kleiner Mann,deshalb versuchst du, so viel zusammenzuraffen, wie es dir nur möglichist. Und immer wieder glaubst du: wenn du dies oder jenes bekommst, dann wirdes mir gut gehen, dann bin ich größer, wichtiger, wertvoller. Dannwerde ich endlich meine Angst verlieren, denkst du, kleiner Mann. Doch auch die Zukunft macht dir Angst, kleinerMann. Vielleicht werden die Dinge weniger, vielleicht verlierst du dein Haus,deine Frau, dein Ansehen. Und dann? Du weißt, irgendwann wird die Zukunftdich vernichten. Du wirst mit Sicherheit sterben. Morgen, in drei Monaten oderin fünfzig Jahren. Dann bist du alles los, denn all die schönen Dingekannst du nicht mitnehmen. Du wirst so nackt gehen wie du gekommen bist, jamehr noch, denn der Körper, mit dem du dich identifiziert hast, wird dirauch noch genommen. Auch er ist eines der Dinge, die du besitzt".Ich habe einen Körper" sagst du und du glaubst tatsächlich,dass der Körper das ist, was unten an dir herunterhängt. Das ist nurdann richtig, wenn du der Goa'Uld bist, der oben im Gehirn sitzt und von dem duglaubst, dass du er bist. Du machst dich selber zu einem Ding und dannhast du eine Beziehung mit dir selber. Das ist verrückt, denn du lebsttatsächlich so, als wärst du zwei. Es ist das, was du für normalhältst, kleiner Mann. Die Zukunft, für die du so leidenschaftlichkämpfst, macht dir gleichzeitig Hoffnung und Angst. Das zerreißtdich, denn du verwendest deine Energie gleichzeitig für zwei entgegengesetzte Ziele: du willst die Zukunft erreichen, die du erträumst - unddie Zukunft, die du fürchtest, willst du vermeiden. Und damit erreichst dugar nichts. Selbst den kleinen Erfolg, den du haben könntest, machst du soimmer wieder zunichte. Weil du so sehr mit der Zukunft beschäftigtbist, kannst du das Jetzt nicht sehen. Die Geschichte, die du dir ausgedachthast, begann in der Vergangenheit und du spinnst sie in die Zukunft weiter. DasJetzt ist für dich nur der Punkt, an dem sich Vergangenheit und Zukunfttreffen. Du bist so sehr mit Gedanken beschäftigt,dass du gar nicht bemerkst, dass das Leben nur im Jetzt stattfindet. Die altenGermanen haben nicht in der Vergangenheit gelebt. Sie lebten jetzt. Und deineUrenkel werden nicht in der Zukunft leben. Sie werden jetzt leben. Wahrnehmen,fühlen, ja auch denken kannst du nur jetzt. Aber du bist in deinen Gedanken verlorengegangen, kleiner Mann. Du ängstigst dich, du ärgerst dich, duplanst, rechtfertigst, greifst an und verteidigst dich - ununterbrochen.Dafür lebst du. Das tust du viele Stunden am Tag, eigentlich immer. Und duhältst das für schrecklich wichtig. Kannst du dich erinnern,worüber du gestern auf der Fahrt zur Arbeit so intensiv nachgedacht hast?Vielleicht. Aber als du dich vor zwei Wochen einen ganzen Tag langgeärgert hast - was war das noch? Und wie wichtig sind diese Gedankenheute, jetzt? Deine Gedanken von gestern sind für dich so uninteressantwie die Tageszeitung von gestern. Natürlich denkst du nie an dieGrübeleien, mit denen du die vergangenen Tage verbracht hast. Und trotzdemmachst du heute weiter, auch wenn diese Gedanken dich keinen Schritt weiterbringen. - Doch sie bringen dich fort. Fort von dir selber. Die Gedanken sindunbewusst. Du glaubst, sie seien dir bewusst, denn im Augenblick, wenn du siedenkst, dann weißt du, was du denkst. Wirklich? Du willst gar nicht, dasssie dir bewusst werden. Du willst sie sofort vergessen und weitere Gedankendenken. Du bist süchtig nach denken, kleiner Mann. Was hat dieser ständige innere Monologfür einen Sinn? Frag dich das, kleiner Mann, du wirst keinen Sinn darinfinden. Du wirst feststellen, dass es verrückt ist. Das ist ein guterAnfang. Ich sage dir kleiner Mann: Du hast den Sinnfür das Beste in dir verloren. Du hast es erstickt und du mordest es, woimmer du es in anderen entdeckst, in deinen Kindern, in deiner Frau, deinemMann, deinem Vater und deiner Mutter. Du bist klein und willst kein bleiben,kleiner Mann. Woher ich das alles weiß, fragst du?Ich will es dir sagen: Ich habe dich erlebt, mit dir erlebt, dich inmir erlebt, dich als Arzt von deinen Kleinlichkeiten befreit, als Erzieher dichoft auf den Pfad der Geradheit und Offenheit geführt. Ich weiß, wiesehr du dich gegen die Geradheit wehrst, welche Todesangst dich befällt,wenn du deinem wahren echten Wesen folgen sollst. Du bist nicht nur klein, kleiner Mann,du hast, ich weiß es, deine `großen Augenblicke' im Leben. Dukennst `Aufschwung' und `Erhebung'. Doch du hast nicht die Ausdauer, deinenAufschwung immer höher zu schwingen, deine Erhebung dich immer höhertragen zu lassen. Du hast Angst zu schwingen, du hast Angst vor Höhe undTiefe. Das hat dir schon Nietzsche viel besser als ich gesagt. Aber Nietzschesagte dir nicht weshalb du so bist. Er wollte dich zum Übermenschenerheben, um den Menschen in dir zu überwinden. Sein Übermensch wurdezu deinem `Führer Hitler'. Und du bliebst der `Untermensch'. Ich will, daß du aufhörst,Untermensch zu sein und daß du `du selbst' wirst. `Du selbst' sageich! Nicht die Zeitung, die du liest, nicht die Meinung des bösenNachbarn, die du hörst, sondern `du selbst'. Ich weiß, duweißt nicht, was und wie du wirklich zutiefst bist. Du bist zutiefst, wasein Reh, dein Gott, dein Dichter, dein weiser Mann ist. Du aber glaubst,daß du ein Mitglied der Kriegsveteranen, des Kegelklubs oder desKu-Klux-Klans bist. Und da du dies glaubst, handelst du so, wie du ebenhandelst. (Wilhelm Reich, Rede an den kleinen Mann, S. 20/21) © Jürgen Fischer, Fischer-ORGON-Technik Email: info@orgon.de , www.orgon.de
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