| Gedanken zum Thema Spiritualität | ![]() | ![]() | ![]() |
| Spiritualität - der Duden kennt Spiritualität als Spi|ri|tu|a|li|tät, die; - [mlat. spiritualitas] (bildungsspr.): Geistigkeit; inneres Leben, geistiges Wesen. Im Grunde also keine besondere Sache - alle Menschen können denken, besitzen ein inneres Gefühlsleben und ein geistiges Wesen. Doch was unterscheidet sie nun - die "spirituellen" von den "normalen" Menschen? Schauen wir dazu ins philosophische Wörterbuch von Schmidt und Schischkoff (1961): Spiritualismus (vom lat. spiritus, „Geist"), häufig auch als -> Idealismus bezeichnet, diejenige philosophische Richtung, die das "Wirkliche" (Absolute) als geistig annimmt, das Körperliche als Produkt oder Erscheinungsweise des Geistes oder als gar nicht vorhanden oder auch als bloße Vorstellung. Gegensatz: -> Materialismus. Spiritualität, Geistigkeit; Gegensatz : Materialität, Körperlichkeit; s p i r i t u e l l, geistig. Spiritus (lat.), Geist; eigentlich bewegte Luft, Wind, Hauch, Lebenshauch, Atem. S. r e c t o r, herrschender, lenkender Geist; nach dem Alchimisten eine 'geistige' (feinmaterielle) Substanz in den Dingen. S. s a n c t u s, heiliger Geist. Im Eisler, Rudolf (1927-1930, 4.A.). Wörterbuch der philosophischen Begriffe. 3 Bde. Berlin.: "Spiritualismus (spiritus, Geist) heißt die metaphysische Ansicht, dass die absolute Wirklichkeit Geist, geistig, seelisch sei, aus einer Summe von geistigen Wesen (Monaden, s. d.) bestehe, so dass das Körperliche nur eine Erscheinung des Geistigen, eine Objectivation oder ein Produkt der Seele sei. Der Spiritualismus denkt sich das An-sich (s. d.) der Dinge als ein dem eigenen Ich analoges Innen-, Für-sich-sein. Der spiritualistische Dualismus in der Psychologie betrachtet Leib und Seele als zwei selbständige Substanzen, Wesenheiten, nur dass die Qualität beider nicht heterogen ist, der spiritualistische Monismus fasst die Seele als das An-sich des Leibes (s. Identitätsphilosophie).(...) Spiritualität: Geistigkeit. Spirituell: geistig, geistreich. Spiritus: Geist (s. d.), Lebenshauch, Nervengeist. Diese Aufzählung hätte man fast unendlich fortführen können - wohin man sieht - überall finden sich unterschiedliche Definitionen eines Wortes, dessen Ursprung einfach nur geistig oder vergeistigt bedeutet. Doch ebenso viele Definitionen es gibt, genauso häufig wird es für die unterschiedlichen Aussagen verwendet. Ob sich Menschen, die Tarot-Karten legen nun für Spirituell halten; Menschen, die Bücher lesen, von denen man die "Hände weg" lassen sollte; den Film Bleep oder The Secret gesehen haben; oder lieber ein Channeling mit Erzengel Michael besuchen. Eins haben diese Menschen gemein - sie halten sich eben für spirituell und nicht selten dadurch für etwas besonderes, wenn nicht gar etwas besseres oder zumindest wesentlich weiter entwickelt als der Rest der Menschheit. Doch was ist eigentlich mit den Menschen, die heutzutage völlig "out" sind, da sie sich nicht gerade die neusten "Updates" channeln lassen oder Bestellungen beim Kosmos tätigen? Menschen, die keinen Hehl daraus machen und dennoch seid über 2.000 Jahren an manchen Orten (in letzter Zeit immer weniger) gesichtet werden? Selten bezeichnet sich jemand, der in eine Kirche geht (oder das passende nicht-christliche Pendant) als Spirituell - vielmehr als Gläubig. Und dennoch wird manchmal jemand, der in eine Kirche geht, angesehen, als ob er nicht in ein Haus Gottes geht, sondern als wolle er ein Bordell besuchen. Glauben an Gott ist nicht mehr zeitgemäß! Sicherlich mag das monotheistische Bild von Gott, welches über Jahrhunderte von der Kirche gepredigt wurde -für den einen oder anderen- ein wenig unvollständig sein. Betrachtet man den Heiligenkult in vielen erzkatholischen Gegenden, so wurde dies hier und da dennoch ein wenig "ergänzt". Doch was ist anders? Was früher der Heilige St. Georg als Schützer von Haus und Hof war, ist nun der Erzengel Michael, der gefälligst fürs eigene Seelenheil parat zu stehen und zu sorgen hat. Wurden früher in Heiligen Messen die Heiligen stundenlang demütig angebetet und verehrt, ja ganze Umzüge und Feste für sie veranstaltet, so trifft man sich heute beim Gläschen Prosecco und bittet den aktuellen Guru -gegen einen finanziellen 'Energieausgleich'- mal eben die Geistige Welt zu ersuchen, die eigenen Probleme zu lösen. Ein vermuteter Zusammenhang zwischen diesem 'Energieausgleich' und altbekannten Ablassbriefen ist natürlich nicht beabsichtigt. Betrachtet man beide Gruppen -die hier ein wenig überzeichnet dargestellt wurden und sicherlich nicht jedem gerecht werden- so ergibt sich eine Schnittmenge: der Glauben. Glaube ist etwas Geistiges, etwas Spirituelles. Der Gläubige glaubt an Gott, der Spirituelle an - ja was eigentlich? Begibt man sich etwas auf Spurensuche, so stellt man fest, dass der Begriff Spiritualität erst in den späten 60-iger Jahren Einzug in Deutschland gehalten hat. Interessanter Weise war dies auch die Zeit, in der uns Amerika, das Land der Fast-Food-Kultur, die ersten Vorboten des Bestsellers Esoterik bescherte.Wie so manches aus dem Land der untergehenden Sonne, war und ist es zuckersüß, klebrig, versprach alles und hielt dennoch nichts oder nur sehr wenig. War vor dieser Zeit Spiritualität noch ansatzweise in entsprechenden Kreisen als alchemistische Transformation (nach Paracelsus) bekannt, so mutierte dieses Wort nun zu einem nebelig-klebrigen Etwas. So beschreiben manche Menschen, danach gefragt, was für Sie Spiritualität ist, eben genau jene genannte alchemistische Transformation des Geistes, andere wiederum sehen es als Synonym für ein besonderes, "erwachtes" Bewusstsein, einige beschreiben damit ihren Glauben und manche verwenden es auch, ohne zu wissen, was es eigentlich für sie bedeutet. Wie schon erwähnt, ist die gemeinsame Schnittmenge von allen diesen Menschen der Glaube. Sie glauben an etwas und drücken diesen Glauben zeitgemäß aus. Das hierbei nicht immer jedes gesprochene Wort mit seiner Wurzelbedeutung konform einhergeht, mag vernachlässigbar sein. Dennoch - wenn man nicht meint, was man sagt, kann man dann sagen, was man meint? Esoterik (nach dem griechischen esoterikós) bedeutet "innerlich" oder eben Wissenschaft oder Lehre des Geheimen. Betrachtet man nun das Wort Spiritualität aus dem Blickwinkel der modernen Esoterik, in dessen Umfeld dieser Begriff meistens verwendet wird, so ergibt sich eine vergeistige Innenschau. Doch was passiert, wenn man rein geistig agiert? Ein Blick in unsere Ellenbogengesellschaft zeigt, wohin es führt, wenn nur noch der Kopf eingesetzt wird und Gefühle und/oder eine Bodenhaftung verloren gehen. Das Bild der klassischen, etwas wirren, meist auf Wolke 7 schwebenden Esoterikerin kommt sicherlich nicht von ungefähr. War Esoterik (oder Magie oder Religion) noch bis vor 100 Jahren eine Disziplin, der sich nur die gebildetsten, fest im Leben stehenden (zumeist Männer) -wenn auch meist Sinn suchenden Menschen- hingaben, so ist sie heute zum Konsum- oder Wellnessprodukt für die Breite Masse geworden, hauptsächlich bei Frauen. "Religion ist Opium fürs Volk" - wusste schon Marx, doch in seinem Denken ging es weniger um eine Gewinnmaximierung, als um die Kontrolle und Gleichschaltung der Massen. Die Suche nach Sinn und höheren Idealen im Leben führt die Menschen dorthin, wo sie es, geprägt durch die Fast-Food-Kultur unserer Zeit, zu finden gedenken. Zu anderen Menschen, die ihnen mutmaßlich das geben können, was ihnen in ihrem eigenen Leben fehlt. Zwar begeben sie sich dabei nicht mehr in eine Kirche und zu einem Pfarrer, denn Gott ist ja in oder zumindest überall - jedenfalls aber nicht in der Kirche. Doch die Strukturen sind vergleichbar - auch hier trifft man sich in einem "besonderen" Raum mit Gleichgesinnten und lauscht den Lehren des Gurus oder des Lehrers - und sei es nur in Buchform oder im Internet. Spiritualität ist also wie gesagt eine geistige Grundhaltung mit vielen Interpretationsmöglichkeiten, die jedoch alle eins gemeinsam haben: das geistige Arbeiten, also mit oder über den (eigenen) Geist. Warum nun weder der Glauben, noch die Spiritualität, die Masse der Menschen zusammenführt und zu einer altruistischen, liebevollen Gesellschaft vereint, ist eine andere Geschichte und würde an dieser Stelle zu weit führen. Vielleicht liegt es an den Urgedanken derjenigen, die diese Ideen einst eigennützig instrumentalisiert haben. Aber vielleicht liegt es auch daran, dass es für uns Menschen eben nicht nur darum gehen sollte, den Geist in uns zu kultivieren, sondern auch unsere Gefühle.
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