| Die Dunkelklausur | ![]() | ![]() | ![]() |
| Bevor Lopon Sangye Tenzin starb, rief er mich eines Tages zu sich und sagte mir, er habe die Namen einiger Gottheiten auf Papierstücke geschrieben und diese auf seinen Altar geworfen. Er forderte mich nun auf, eines dieser Papicrstücke zu nehmen, und er sagte, ich solle mich der Übung jener Gottheit widmen, deren Namen ich aufnehmen würde. Meine Wahl fiel auf die Gottheit Sherab Gyammo, eine Gestalt, die der buddhistischen Tara ähnelt und die die Entwicklung der intellektuellen Fähigkeiten besonders positiv beeinflußt. Außerdem empfahl er mir eine Dunkelklausur. Darüber war ich sehr glücklich. Zwei Jahre danach (Lopon Sangye Tenzin war mittlerweile gestorben) bat ich Lopon Tenzin Nadak und meine Mutter um Erlaubnis, in eine Dunkelklausur gehen zu dürfen. Beide waren einverstanden, auch wenn meine Mutter sagte, sie mache sich Sorgen, weil es sehr ungewöhnlich sei, daß ein so junger Mönch wie ich schon in eine solche Klausur gehe. Einige Klosterbewohner, die vielleicht neidisch auf mich waren, sagten, ich würde wahrscheinlich verrückt werden. Ich ließ mich jedoch nicht von meinem Vorhaben abbringen und traf alle notwendigen Vorbereitungen. Ich wollte die Dunkelklausur in Lopon Tenzins Vorratsraum durchführen, der mittlerweile zur Gästetoilette umfunktioniert worden war. Der Raum war sehr klein, nur etwa 2 mal 4 Meter, und wegen der Zementwände war die Luftzirkulation sehr schlecht. Meine Mutter brachte mir dreimal am Tag etwas zu essen, doch sprach ich während der gesamten Klausur kein einziges Mal mit ihr. Der Lopon und meine Mutter fingen im Laufe der Zeit an, sich Sorgen zu machen, weil ich weder mittags noch abends viel aß. Sie vermuteten, daß die schlechte Luft in dem Raum der Grund dafür sei, und sie überlegten, ob ich die Klausur früher als geplant beenden sollte. Doch ich blieb die vollen 49 Tage in der Klausur. Jeden Tag kam der Lopon, setzte sich vor dem Klausurraum hin und sprach eine halbe Stunde lang mit mir. Es war sehr wichtig für mich, während der gesamten Zeit in der Nähe meines Meisters zu sein. Ich hätte mir all die vielen Einzelheiten, die er mir im Laufe dieser Zeit vermittelte, nicht im voraus merken können. Da ich jede Woche andere Übungen und Visualisationen ausführen mußte, erklärte er mir diese jeweils, sobald der Zeitpunkt dafür gekommen war. Mein Geist war während der Zeiten der Übung sehr leer und frei von Konzepten. Ich stellte fest, daß es besser war, keine Informationen über die Vorgänge in der Außenwelt zu erhalten. Solche Nachrichten wirken störend, da durch sie die ganze übliche Kette von Gedanken entsteht, die den Geist von der Übung ablenken. Ich wollte mich völlig darauf konzentrieren, präsent zu bleiben und Geistesklarheit zu entwickeln.Meine Dunkelklausur verlief sehr erfolgreich und bewirkte eine starke Veränderung meiner Persönlichkeit. In den ersten Tagen fiel es mir nicht leicht, auf einen so kleinen, dunklen Raum beschränkt zu sein, denn ich war ja noch sehr jung und hatte viel dynamische Energie. Am ersten Tag schlief ich ziemlich viel; doch schon am zweiten Tag kam ich wesentlich besser mit der Situation zurecht, und meine Erfahrung der Übung wurde jeden Tag besser, so daß ich mir immer sicherer wurde, daß ich die Klausur planmäßig zu Ende führen konnte. Die ganze Klausur war für mich eine großartige Erfahrung, insbesondere das Erleben des Kontaktes zu mir selbst. Die Isolierung von den üblichen äußeren Stimuli, beispielsweise von der Wahrnehmung von Objekten durch den Sehsinn, ermöglichte es mir, völlig in mein Inneres einzutauchen. Ich hatte vorher Geschichten über die Probleme gehört, die andere vor mir in der Dunkelklausur gehabt hatten. Einige hatten Visionen gesehen, von denen sie steif und fest behaupteten, diese seien real gewesen. Mir war jedoch klar, wie so etwas entsteht. Im Alltagsleben lenken uns die äußeren Erscheinungen von unseren Gedanken ab, wohingegen es in der Dunkelkkusur keine derartigen Ablenkungen gibt. Deshalb können die vom eigenen Geist geschaffenen Visionen in dieser Situation wesentlich leichter zu Verstörtheit oder zu einer geistigen Störung führen, und man kann dadurch sogar verrückt werden. Die Dunkelklausur ist eine sogenannte «sensorische Deprivation«. Weil wir in dieser Situation nicht überprüfen können, ob eine äußere Realität existiert, halten wir Gedanken oder Visionen, die in dieser Situation auftauchen, für wahr, und wir bauen sogar ganze Gedankenketten darauf auf. Dadurch kann es passieren, daß wir so vollständig in die von unserem eigenen Geist geschaffenen Phantasien eintauchen, daß wir von deren »Realität« völlig überzeugt sind. Nach der ersten Woche veränderte sich mein subjektives Zeitempfinden. Ich verlor jegliches Zeitgefühl, was zur Folge hatte, daß sich sieben Tage wie zwei anfühlten. Deshalb schrumpften die letzten sechs Wochen der 49 Tage in meinem subjektiven Empfinden zu zwölf Tagen zusammen. Von der zweiten Woche an hatte ich viele Visionen von Lichtstrahlen, Blitzen von Thigles, Regenbogen und verschiedenen Symbolen. Nach der zweiten Woche tauchten die ersten Formen auf, die an die konkrete Wirklichkeit erinnerten. Die erste dieser Visionen hatte ich in der zweiten Morgensitzung der zweiten Woche. Während ich mich in einem Zustand der Kontemplation befand, sah ich vor mir im Raum den riesigen körperlosen Kopf von Abo Tashi Tsering. Der Kopf war unglaublich groß. Im ersten Augenblick überfiel mich große Furcht, doch dann fuhr ich mit der Übung fort. Der Kopf blieb länger als eine halbe Stunde vor mir. Die Vision war so klar wie die der normalen alltäglichen äußeren Realität, manchmal sogar noch klarer. Im Laufe der Zeit machte ich andere, ähnliche Erfahrungen. Beispielsweise sah ich einmal einen Mann, der sein Haar wie ein Mahä-siddha in einem Knoten oben auf dem Kopf trug. Das Gefühl war sehr stark und positiv und gab mir sehr viel Kraft. Die vielleicht eindrucksvollste Vision war eine ganze Handlungssequenz. Das ist nicht immer bei derartigen Visionen der Fall. Manche Visionen befinden sich fixiert über dem Betreffenden, auf der gleichen Ebene wie er oder unter ihm. In diesem Fall jedoch befand ich mich in einem großen Tal, das zwischen Hügeln lag, die mit roten Blumen übersät waren. Wunderschöne Bäume wiegten sich im Wind, und auf einem langen, gewundenen Pfad kamen fünf Menschen auf mich zu. Anfangs waren sie noch so weit entfernt, daß ich keine genauen Einzelheiten ausmachen konnte, doch nach einer halben Stunde waren sie so nahe gekommen, daß ich Inder in ihnen erkannte. Zwei trugen den Turban der Sikhs. Sie kamen auf mich zu, drehten sich dann aber, ohne ein Wort zu verlieren, wieder um und entfernten sich. Ein anderes Mal hatte ich eine länger andauernde Vision von einer nackten Frau mit langem Haar, die direkt vor mir saß, jedoch ihr Gesicht von mir abwandte. Diese Visionen waren für mich keine äußeren Erscheinungen, sondern Manifestationen meines eigenen Geistes in der Form von Licht. Selbst wenn ich die Augen schloß, sah ich sie, doch hatte ich dann das Gefühl, daß sie sich in einer anderen Richtung und an einem anderen Ort befanden.Manchmal verwandelten sich die Visionen in andere Formen. Beispielsweise hatte ich einmal eine Vision von einer Schale mit Essen - Kartoffeln, Tomaten und Bohnen -, und dann verwandelte sich dieser Anblick in einen wunderschönen Fluß mit Fischen und Steinen. Ich konnte die Fische ganz deutlich im klaren Wasser schwimmen sehen. Die erwähnten Visionen waren nicht die einzigen, die ich hatte, aber die bemerkenswertesten. Kurz vor Ende meiner Klausur erlangte ich ein solches Maß an geistiger Klarheit, daß ich das Gefühl hatte, sehen zu können, was außerhalb des Klausurraums vor sich ging. Einmal »sah« ich auf diese Weise, daß meine Mutter mir Essen brachte. Ich »sah« jeden einzelnen Schritt, den sie auf das Haus zuging, in dem ich mich befand, bis sie schließlich die Tür erreichte und klopfte, um mir ihre Ankunft anzukündigen. Im gleichen Augenblick hörte ich ein Klopfen an der Tür, durch das meine »wirklichen Mutter mir ankündigte, daß sie mit dem Essen gekommen war. Die Bewegungen meiner Mutter in meiner Vision und die Bewegungen meiner realen Mutter waren also synchron verlaufen. Keine dieser Visionen war von akustischen Eindrucken begleitet, und ich bin auch nicht auf den Gedanken gekommen, mit einer von ihnen sprechen zu wollen. Erst nach dem Ende der Klausur kam mir der Gedanke, daß es vielleicht gut gewesen wäre, mit den Gestalten zu sprechen. Die ganze Klausur war für mich eine intensive Reinigungserfahrung, und ich habe darin große Klarheit entwickelt. Nach der Klausur hatte ich einen Traum, der für den Lopon ein Zeichen dafür war, daß ich eine Reinigung durchgemacht hatte: Ich träumte, ich hätte mit einem Messer eine Vene in meinem linken Knöchel aufgeschnitten, und außer Blut wären auch Insekten aus der Schnittwunde ausgetreten. Nach meiner Klausur wurde ich so ruhig und still, daß meine Mutter einmal sagte, sie wünsche sich, daß meine Schwestern auch einmal eine Dunkelklausur machten. Tenzin Wangyal
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